Natural Running Coach und Lauftrainer Leif Call läuft den Münchener Marathon

Der erste Marathon - 42,195 bewegende Kilometer.

München an einem sonnigen Sonntag im Oktober. Nur noch wenige Minuten bis zum Start des Generali München Marathon 2019. Tausende Läufer/innen tummeln sich im Olympiapark und warten auf den Startschuss. Ich bin einer von ihnen.

Und während ich in meinem Startblock stehe, spüre ich förmlich den steigenden Druck. Bei den Bedingungen ist doch eine Zeit unter 4 Stunden ein Muss. Wo sind die Pacemaker für eine Zielzeit von 3:30? Das kann doch nicht wahr sein, die haben mich falsch eingeteilt. Die schnellsten Pacemaker in meinem Block laufen 4:15... Kann ich bitte weiter nach vorne? 

Ich muss schmunzeln. Denn ich spüre zwar diesen Druck. Aber ich habe ihn nicht.


Ich spüre (und höre) ihn bei den Menschen um mich herum, sehe wie sie nervös auf den Zehenspitzen umhertippeln, um vielleicht doch noch 1-2 Meter weiter vorne starten zu können.

Und während die Anspannung um mich herum mit jeder Sekunde steigt, macht sich in mir Erleichterung breit. Noch bevor es überhaupt losgeht, denke ich zum ersten Mal an diesem Tag: „Ich hab es geschafft.“ Denn tatsächlich habe ich es geschafft, loszulassen und ohne konkretes Zeitziel an den Start zu gehen. Mein Ziel ist es, Spaß zu haben und meinen ersten Marathon zu genießen.

Es geht mir nicht um die Zeit und auch nicht darum, mir oder anderen etwas zu beweisen. Es geht mir um die Erfahrung, um die Atmosphäre, um das unverfälschte Erlebnis 42,195 Kilometer zu laufen. Oder: Pure Lauffreude, die ich mir nicht von verfehlten Zielen oder unnötiger Quälerei nehmen lassen will.


Also stehe ich in meinen Barfußschuhen (Wildlinge) und mit einem breiten Grinsen am Start und laufe pünktlich um 10:10 Uhr los. Getragen von den Anfeuerungsrufen der zahlreichen Zuschauer und des starttypischen Endorphin-Schubs vergehen die ersten Kilometer wie im Flug. Und nicht zu vergessen: die Vorfreude, an diversen Streckenabschnitten von meiner Familie angefeuert zu werden. So tauchen zwischen Kilometer 4 und 5 zum ersten Mal drei bekannte, jubelnde Gesichter an der Strecke auf. An Kilometer 11 kommen dann noch meine Frau und meine Tochter hinzu - das ist der erste Moment, an dem ich nicht nur in Bewegung sondern auch wirklich bewegt bin. Es sollten noch weitere folgen.


Dass die nächsten 10 Kilometer ebenfalls gefühlt vorbeirauschen, hat vier Gründe:

  1. viele nette und teils auch sehr kreative Zuschauer im englischen Garten (besonders auffällig: der nackte Mann mit seinem Schild „Run faster or i drop the sign“ - ihm begegnete man dann noch zwei mal auf der Strecke)
  2. Der Grantler-Opa, dessen Lokomotiv-Atmung aus hundert Metern Entfernung zu hören war und der sich lautstark darüber beschwerte, an welchen Kilometern es KEIN Wasser gab - was zur allgemeinen Erheiterung beitrug.
  3. Meine kindliche Freude am schnellen Laufen. Auch wenn ich es für die erste Hälfte des Marathons anders vorhatte: mir macht es einfach Spaß schnell zu laufen und deshalb wollte ich mich dann irgendwie doch nicht zu sehr drosseln.
  4. Das Wissen, dass an der Halbmarathon-Marke wieder meine Familie zur Stelle ist und mir einen weiteren Motivationsschub verpasst.

Nach etwas mehr als ein-dreiviertel Stunden hatte ich schon die Hälfte geschafft, von Ermüdung keine Spur und die Füße und Beine machten ohne zu murren das, wofür ich sie habe. Ein tolles Gefühl. Also auf in die zweite Hälfte. Und gefühlt in etwas „dörflichere“ Gefilde, wo Anwohner mit Getränken, selbstgebackenen Kuchen und jeder Menge Partymusik die offiziellen Verpflegungsstellen und Musikgruppen perfekt ergänzten. Als würde man von Nachbarschaftsfest zu Nachbarschaftsfest laufen.

Inzwischen bin ich schon längst so weit am Stück gelaufen, wie noch nie (ehrlicherweise war das schon kurz nach der Halbmarathon-Marke der Fall). Und das geht dann scheinbar doch nicht ganz spurlos am Körper vorbei. Nach ca. 27 Kilometern, werden die Beine zwar schon etwas schwerer, laufen aber noch rund und „wie von selbst“. Wer sich etwas deutlicher bemerkbar macht, ist mein rechter Fuß, dem es wohl allmählich bisschen zu eng wird im Schuh. Aber, noch läuft auch er so, wie ich es von ihm gewohnt bin.


So tragen mich Füße und Beine Kilometer für Kilometer weiter und wieder in die Stadt hinein. Bis es am Viktualienmarkt zum nächsten bewegenden Moment kommt. Mein rechter Fuß will raus aus dem Schuh. Und ich lass es zu. Beim Laufen hat mein Körper das Kommando und dem muss mein Kopf nachgeben. Also gehe ich bei Kilometer 35 kurz an den Rand, ziehe Schuhe und Socken aus und mache mich barfuß auf die letzten 7 Kilometer. Was für ein befreiendes Gefühl, mit blanken Sohlen und „freien“ Zehen die ersten Schritte zu machen. Und zum zweiten Mal an diesem Tag denke ich: ich hab‘s geschafft. Ich habe meine Transformation zum Natural Runner geschafft. Genau in diesem für mich fast kitschig symbolischen Moment.

Total euphorisch laufe ich die nächsten zwei Kilometer leichtfüßig wie die ersten beiden. Und plötzlich sind es nur noch 5 Kilometer bis zum Ziel. Ein leichtes - wären da nicht schon 37 Kilometer vorher gewesen. Während meine Füße Schritt für Schritt die Schuhfreiheit genießen, werden die Beine immer schwerer und sehnen sich nach einer Pause. Wie verlockend es doch wäre, einfach ein paar Schritte zu gehen - zumal das spätestens seit Kilometer 30 einige Teilnehmer/innen tun.


Aber da sind noch Kraftreserven. Im Olympiastadion wartet meine Familie auf mich und meinen großen Moment. Ich höre sie rufen und mir zujubeln (natürlich nur im Kopf, das Olympiastadion ist schließlich noch ein paar Kilometer entfernt). Vor meinem inneren Auge sehe ich das selbst gebastelte Schild „Lauf Leif! Lauf!“

 

Und genau das mache ich. Ich laufe. Zwar etwas langsamer, aber ich laufe. Weiter und weiter. Bis es nur noch 4 Kilometer sind. Und dann sind es nur noch 3. Und als es nur noch 2 sind, schießt mir ein Gedanke durch den Kopf „abgefahren, einen Kilometer noch, der letzte läuft sich eh von selbst.“

 

Ich näher mich dem Olympiapark und je näher ich dem Ziel komme, desto voller wird es am Streckenrand. Dass ich meine Schuhe in den Händen statt an den Füßen trage, bleibt nicht unbemerkt, sorgt erst für erstaunte Blicke und dann für Begeisterung. „Go Barefoot!!“ begleitet es mich fast wie eine La Ola Welle. Und auf dieser Welle schwebe ich zum letzten Kilometer. Der nächste bewegende Moment.

 


Ich laufe und laufe und laufe. Nur noch ein paar hundert Meter bis zum Marathontor vom Olympiastadion. Rechts von mir tauchen wieder zwei bekannte Gesichter auf - eine Schulfreundin und ihr Freund (die mir dankenswerterweise ein Singlet für den Lauf gesponsert haben) feuern mich an für die letzten Meter. Und ich laufe und laufe und laufe.

Und dann ist sie da. Die Rechtskurve. Ich bin im Marathontor und bekomme einen regelrechten Endorphin-Flash. „Wenn ich da durch laufe, sieht mich meine Familie. Wie ich glückselig grinsend die letzten Meter laufe.“

Ich laufe ins Olympiastadion ein und bin überwältigt. Es ist der bewegendste Moment des ganzen Laufs. Ich bin so glücklich über das Erlebnis Marathon und gleichzeitig finde ich es schade, dass es gleich vorbei ist. Mit doppelt und dreifach geschärften Sinnen genieße ich jeden weiteren Schritt und laufe mit einer Leichtigkeit als hätte es die tausenden Schritte vorher gar nicht gegeben. Was für ein unbeschreibliches Gefühl.


Kurz vor dem Ziel höre ich meinen Namen, drehe mich in die Richtung der Rufe und sehe meinen ganz persönlichen jubelnden Fanblock auf der Tribüne. Meine Familie, die den gesamten Lauf mitgefiebert und mich so über die gesamte Distanz begleitet hat. Ich laufe ins Ziel. Mit befreiten Füßen, den Schuhen in der Hand, einem breiten Lächeln im Gesicht und Pipi in den Augen. 

Und zum dritten Mal an diesem Tag denke ich: ich habe es geschafft. 

Meinen ersten Marathon. 42,195 km Laufen. Davon ca. 7 km barfuß. Rund 40.000 Schritte. 3 Stunden und 43 Minuten pure Lauffreude. 

Ich habe es geschafft. Und ich habe es geliebt.


Du möchtest auch deinen ersten Marathon laufen oder dich gezielt auf deinen nächsten Marathon vorbereiten? Ich helfe dir gerne!